011 PanFZ1000 087617 880Äußerst wortgewandt, mal ernsthaft, mal schräg, dem wahren Leben und dem ewigen Kampf um die Liebe auf der Spur: So ging in der Kulturscheune der Wettbewerb um den Herborner „Schlumpeweck“ in die zweite Runde.

Der in Kabul geborene, in Krefeld aufgewachsene und in Köln lebende Literaturwissenschaftler Sulaiman Masomi, der zuerst die Bühne betrat, erwies sich als Hybrid zwischen Poetry Slam, Komik und Kabarett, während sich der Berliner Tom van Orten, als singendes und genüsslich parlierender Spaßgigant präsentierte, der den Beruf des Klavier-Kabarettisten originell aufmöbelte.

Sulaiman Masomi hat die Ruhe weg, dennoch regt er sich über den Verlauf der Evolution auf, die vor dreieinhalb Milliarden Jahren mit den Einzellern begann und heute mit Donald Trump wieder bei ihnen angelangt ist. „Ich bin zurecht ein wenig enttäuscht vom Leben“, erklärt er, der sich als Moralist und tugendhafter Mensch dem Bösen, wie in Form der AfD stellt, und seine Widersprüche und Lügen aufdeckt. Und wie man lügt, davon kann er aus eigener Erkenntnis im Kreise seiner afghanischen Familie berichten, in der man die Lüge nur für eine Übertreibung hält.

Masomi stellt sich seinen Erfahrungen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft und bekennt: „Ich werde als Bedrohung wahrgenommen, doch eigentlich bin ich ein wunderschöner Poet im Körper eines durchtrainierten Kanaken.“ Er kann Dinge sagen, die sich ein Deutscher nicht traut, fordert sein Publikum auf, das „K“-Wort zu sagen – als therapeutische Maßnahme. Schließlich kann man den Rassismus nur mit seinen eigenen Mitteln besiegen.

Masomi, der es versteht, mit der deutschen Sprache perfekt zu jonglieren, verstrickt sich in den Verstrickung von Klischees und Stereotypen, die ihm aufzulösen nicht immer zu gelingen scheint. Zu Schluss wird der Wortkünstler sinnlich, als er aus Reinhard Meys „Über den Wolken“, das Abschiebelied. „Unter der Burka muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ macht.

Mitten hinein ins pralle Leben stürzt sich der zweite Act des Abends, der Berliner Tom van Orten. Mit Schiebermütze auf dem Kopf und schrillen, schrägen Gedankengängen im selbigen, singt, spielt, sinniert und witzelt er sich durch das Leben, das im Bett anfängt, zur Gendertoilette führt und im Supermarkt endet.

Berserkerhaft haut er in die Pianotasten und wandelt dabei wahlweise auf den Spuren von Rio Reiser oder Udo Jürgens. Dabei bekennt er auch seine Liebe zur „Unsterblichen Bärbel“, mit der zu sterben gar nicht weh tun würde.

Tom van Orten ist zugleich Piano-Comedian, Liedgutkomponist, Gebrauchspoet und manchmal sogar Teilzeitchansonnier. Für ihn ist nichts zu gering, um es mit Süffisanz und polternder Ironie auf die Schippe zu nehmen. Den Genderwahn genauso wie den Erfindungsreichtum der Hairstylisten, die mit Namen wie „Haarbrakadabra“ usw. die Kundschaft locken. „Ich werde das Gefühl nicht los, permanent zwischen den Stühlen zu hocken“, räsoniert er und richtet sich gemütlich/ungemütlich genau dazwischen ein.

Der Legastheniker der Grobmotorik versteht sich wunderbar aufs Tragikomische - mit und ohne Klavier. Er besingt und beklagt Fetische und Veganismus, reimt Unreimbares und seziert Paare beim Wochenendeinkauf. Tom van Orten, der via Autokorrektur die Basis der modernen Schreibkultur beherrscht, zeigt sich darüber hinaus als wortgewaltiger Geschichtenerzähler und Liedermacher, der sich durch den Alltag schlängelt und sich den Anforderungen betreffs Toleranz und Intoleranz stellt: „Muss man als Veganer nur das essen, was am Straßenrand wächst?“ oder „Darf man überhaupt noch Mohrrübe sagen?“

Der Berliner schert sich um Vieles und letztlich doch nur um sein Ding, und das heißt "Lebe dein Leben und den Sex." Und sei es mit dem „Knöllchenluder vom Kurfürstendamm“. Am Ende wird van Orten politisch-poetisch, wenn er singt: "Mutti lügt nicht, außer für `nen guten Zweck!“ Sprach's und beendete einen absolut höhepunktreichen zweiten Schlumpeweck-Abend.
(Fotos: Gert Fabritius)

 

 
Autor
Helmut Blecher

helmut-blecher

Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

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Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

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